bullet1 Dies beachten!   Fallbeispiel

Eine beispielhafte Beschreibung

Am Beispiel eines nicht kontrollierten frühkindlichen Reflexes soll erläutert werden, welche Auswirkungen ein solcher Reflex auf das Leben eines heranwachsenden Kindes haben kann.

Neurophysiologische Aspekte

Der Moro-Reflex bildet sich in der 9. Schwangerschaftswoche aus. Bei der Geburt ist er vollständig vorhanden und sollte zwischen dem 2. und dem 4. Lebensmonat inhibiert (gehemmt) sein beziehungsweise in den Fight or flight- / Erwachsenen-Schreck-Reflex transformiert (umgewandelt) werden.

Dieser Reflex hat die Aufgabe einer Alarmanlage, alle Sinnesorgane befinden sich in akuter Erregung und Achtsamkeit. Der Moro-Reflex ist eine unmittelbare Antwort auf alles, was das Baby als Bedrohung empfindet wie beispielsweise das plötzliche Auftauchen eines Gegenstandes im Gesichtsfeld des Babys, durch einen Lichtwechsel, durch eine plötzliche Veränderung der Kopfposition, durch laute Geräusche, durch Schmerz, durch unsanfte Berührung und unerwartete Temperaturänderungen. Dann schreit das Baby Hilfe herbei.

Physische Aspekte

Auf der Körperebene zeigt sich unmittelbare Erregung. Dem schnellen Einatmen folgt das Ausatmen oft begleitet von einem Schrei. Durch die Freisetzung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol wird das sympathische Nervensystem aktiviert mit den Symptomem: Tachypnoe und Hyperventilation in den oberen Lungenflügeln, Tachycardie und Hypertonus.

Sichtbar kann Gesichtsrötung auftreten und es kann zu emotionalen Reaktionen wie Wutanfällen oder Tränen kommen. Ein fortbestehender Reflex kann folgende Auswirkungen auf das Lernen und Verhalten eines Menschen haben: es können sich Gleichgewichtsprobleme wie beispielsweise Reisekrankheit, Höhenangst oder schlechte Balance zeigen.

Häfig treten Koordinationsprobleme und Ängstlichkeit auf. Der Betroffene ist in einem oder mehreren Sinneskanälen stimulusgebunden. Das Kind kann dann aus einem Sinnesbereich unwesentliche Informationen nicht herausfiltern und sich nicht auf eine Sache konzentrieren ohne sich ablenken zu lassen. Durch die hohe Produktion von Stresshormonen ist das Immunsystem geschwächt und das Kind ist anfälliger für Allergien und Krankheiten.

Psychologische Askekte

Das betroffene Kind zeigt Ängstlichkeit, ein schwaches Ich-Gefühl und wenig Selbstwertgefühl.

Aus dem Gefühl der Unsicherheit erwächst das Bedürfnis nach Rückzug des Kindes oder zumindest der Wunsch, Situationen durch gegebenenfalls aggressives Verhalten kontrollieren oder manipulieren zu können.

Das vom Moro-Reflex beeinflusste Kind zeigt eine überschießende Reaktion auf Reize, eine allgemeine Reizbarkeit, oft einhergehend mit Aggressivität. Es kann Kritik schwer annehmen. Phasen der Hyperaktivität werden abgelöst von Phasen starker Ermüdung.

Entscheidungen zu treffen fällt ihm schwer. Das Kind ist auf feste Rituale fixiert, mag keine Überraschungen und versucht daher neue Situationen zu vermeiden oder wenigstens unter seiner Kontrolle zu gestalten.

Aspekte des Lernens

Ein Kind dessen Moro-Reflex unzureichend inhibiert (gehemmt) wurde, befindet sich in einem Teufelskreis. Seine Sinnesorgane sind besonders wachsam und registrieren alles.

Durch die Ausschüttung der Stresshormone wird die Wachsamkeit des Kindes noch verstärkt, folglich kann es sich kaum in Ruhe auf eine Sache oder Aufgabe konzentrieren, selbst wenn es wollte.

Im Unterricht lässt es sich ständig von äußeren Einflüssen ablenken: jede Bewegung, jedes gesprochene Wort, Flüstern, Rascheln, Lichtveränderungen werden bewusst wahrgenommen: irgendwo könnte ja eine Gefahr lauern.

Fallbeispiel anschaulich

Marie ist ein elfjähriges schlankes Mädchen. Sie erscheint ernst und distanziert. Sie hat Schulprobleme und verweigert aktuell jegliche Leistung. Ihre Familie leidet unter ihren täglichen Wutausbrüchen und andererseits unter ihrer Verschlossenheit.

Als Baby war sie unruhig und schrie viel, ließ sich durch Körperkontakt und Streicheln nicht beruhigen. Phasen der Entspannung und Ausgeglichenheit folgten ihren täglichen Schreianfällen.

Marie ist empfindlich gegenüber Geräuschen, hellem Licht und starken Gerüchen. Sie toleriert keine Veränderungen in ihrer Umgebung und in ihrem Tagesablauf. Sie hat Angst vor Tieren, Gewitter, Dunkelheit und Wasser.

Sie leidet unter Lebensmittelunverträglichkeiten und reagiert auf Stress oft mit Hautausschlägen. Mit anderen Kindern spielt sie nicht gerne, dafür beschäftigt sie sich zu Hause ausdauernd und durchaus phantasievoll.

Sie konnte früh flüssig sprechen und machte daher auf Erwachsene einen altklugen Eindruck. In den Kindergarten ließ sie sich nicht integrieren, sie schrie der Mutter hinterher und verbrachte die Zeit stumm und reglos auf dem Boden ohne Kontakt zuzulassen. Marie hat Angst vor der Schule, obwohl sie schon sehr früh lesen und schreiben konnte. Einerseits war sie intelektuell unterfordert und andererseits emotional überfordert.

Dem Schulalltag mit seiner ständigen Geräuschkulisse, dem lebhaften Treiben der anderen Kinder, dem Neonlicht, dem Wechsel von Lehrern und Unterrichtsmethoden ist sie nicht gewachsen. Infolgedessen kann sie sich nicht konzentrieren und ermüdet schnell. Zu Hause kann sie sich nicht mitteilen und ist abwechselnd tyrannisch aggressiv oder deprimiert.

Marie hat einen noch nicht richtig gehemmten Moro-Reflex. Die Ausbildung des reifen Schreckreflexes hat nicht stattgefunden. Marie kann geholfen werden.

Text: Andrea Richter und Ingeborg Strote für INPP Deutschland, geringfügig ergänzt

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